Eiskalte Vorbereitung

Eiskalte Vorbereitung

Von Björn Jensen / Hamburger Abendblatt

Mit einer speziellen Eissauna-Therapie macht sich Profiboxerin Susi Kentikian für ihren nächsten Kampf fit

Hamburg.  Das Gesicht, das aus dem Dampf hervorlugt, will überhaupt nicht zu den Qualen passen, die der argwöhnische Beobachter hinter der Prozedur vermutet. 160 Grad unter null weist die Temperaturanzeige aus, doch Susi Kentikian lacht. Ab und an pustet sie tief durch, doch das ist die einzige sichtbare Gefühlsregung, die aus der Tonne herausdringt, in der die Boxweltmeisterin steht. Nach drei Minuten schlüpft die 153 Zentimeter kleine Fliegengewichtlerin leichtfüßig in ihre Trainingsklamotten zurück und strahlt noch mehr Energie aus als zu den Anfangszeiten ihrer seit 2005 währenden Profikarriere, in denen sie als „kleinstes Kraftwerk Hamburgs“ bezeichnet wurde.

Seit vergangenem Herbst vermarktet sich die gebürtige Armenierin in Eigenregie, und dass zu einer solchen Lebensphase auch eine gewisse Neuerfindung gehört, leuchtet ein. Der Trainingsreiz jedoch, den die 28-Jährige in ihrer Vorbereitung auf die Verteidigung ihrer WM-Titel an diesem Sonnabend (19 Uhr, Sporthalle Hamburg) gegen die Kroatin Nevenka Mikulic gesetzt hat, lässt jeden erschaudern, der zum ersten Mal mit der Methode konfrontiert wird. Seit Anfang Juli besucht Kentikian täglich das Studio „Cool Bodies in Contours“ in der Magdalenen­straße in Pöseldorf. Dort betreibt Tina Lüneburg Hamburgs einzige Eissauna.

Kentikian lernte die Bergstedterin, die viele Jahre für den Dior-Konzern und andere Unternehmen in der Kosmetikbranche arbeitete, durch Empfehlung ihrer Fitnesstrainerin Natalie Zimmermann kennen. „Bis dahin hatte ich noch nie von einer Eissauna gehört“, sagt sie. Doch schon der erste Gang in die mit Stickstoff betriebene Trockeneistonne überzeugte sie so sehr, dass sie die dreiminütige Prozedur in ihre Trainingsroutine einbaute.

Der Effekt der Tiefenkälte ist in der Behandlung von Rheumapatienten zwar längst bekannt. Die Auswirkungen auf gesunde, aber durch Stress oder Leistungssport ausgelaugte Menschen allerdings haben sich in Deutschland noch nicht in der Form herumgesprochen, dass Eissaunen ein Massenphänomen wären. Tina Lüneburg kam erstmals im vergangenen Jahr in den USA damit in Berührung und eröffnete im Februar ihr Studio in Pöseldorf. Seitdem hat sie mehr als 600 Menschen behandelt, 25 Kunden täglich kommen im Schnitt.

Der Selbstversuch, der für Normalsterbliche zwei bis zweieinhalb Minuten dauert, offenbart Verblüffendes. Die trockene Kälte ist überraschend gut auszuhalten, obwohl bis auf die gegen das Anfrieren auf dem Tonnenboden in dicken Fellpuschen steckenden Füße der ganze Körper ungeschützt ist. Nach der Hälfte der Zeit beginnen die Beine etwas zu brennen, mehr passiert nicht, kein Schwitzen, kein Bibbern. Zehn Minuten nach der Prozedur ersetzt bleierne Müdigkeit die Kälte in der Beinmuskulatur, die erahnen lässt, warum der kurzen Phase in der Tonne der Effekt eines einstündigen Trainings nachgesagt wird.

Zwischen 700 und 1500 Kalorien verbrennt der Eissaunierer pro Anwendung. Kein Wunder also, dass figurbewusste Kunden das Angebot zur sanften Gewichtsreduktion nutzen. „Aber die Eissauna hat auch positive Wirkung bei Depressionen oder Schlafstörungen, bei Schuppenflechte und Rheuma“, sagt Tina Lüneburg, die mit einer Reihe von Ärzten kooperiert und mithilfe ihres Teams jeden Saunagang begleitet. Medizinische Risiken wie Kreislaufprobleme oder Herzrhythmusstörungen seien nicht bekannt.

„Das Einzige, was passieren kann, sind Erfrierungen, wenn man zu lange in der Tonne bleibt. Aber wir achten darauf, dass die medizinisch sinnvolle Zeit von drei Minuten und die Minimaltemperatur von minus 160 Grad nicht überschritten werden“, sagt Lüneburg, die Kunden in der Altersspanne von zehn bis 87 Jahren hat.

50 Euro kostet ein Saunagang. Ein Zehnerticket ist für 425 Euro buchbar, die spürbaren Veränderungen stellen sich erst durch regelmäßige Wiederholung ein. „Wenn der Effekt den einer einstündigen Physiotherapie übertrifft und man weiß, dass die Eistonne einen mittelgroßen fünfstelligen Betrag gekostet hat und die Anlieferung des Stickstoffs ebenso kostspielig ist, relativiert sich der Preis für eine solch signifikante Steigerung des persönlichen Wohlbefindens“, sagt Tina Lüneburg.

Ein Gang kostet 50 Euro und verbrennt rund 1000 Kalorien

Susi Kentikian ist überzeugt davon, dass die Eissauna ihr Geld wert ist. „Wenn ich herkomme, bin ich oft müde und schlapp. Nach den drei Minuten fühle ich mich wie neugeboren“, sagt sie, „ich hätte nie gedacht, dass die Wirkung so krass ist.“ Vor harten Trainingseinheiten zum Aufputschen, danach zur Regeneration – bis zu ihrem Kampf wird die Weltmeisterin täglich in die Tonne springen. Auch am Vormittag des Kampfabends und am Tag danach. Anschließend rät Lüneburg zu einer Pause, „um die Selbstheilungskräfte des Körpers zu reaktivieren“. Dass sie es schaffen wird, längerfristig auf die Kältetherapie zu verzichten, bezweifelt Kentikian allerdings schon jetzt: „Eissauna ist wie eine Sucht.“

 

 

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